Kapitel 2 – Marc und Timo

Der Geruch von feuchter Erde und Moos hing in der Luft. Die improvisierte Lampe rauchte. Der Wald lag still da, nur das ferne Rauschen der Blätter und das gelegentliche Knacken eines Astes unter ihren Schritten. Marc und Timo hatten sich in einem alten, moosbedeckten Bunker niedergelassen. Einem von vielen verlassenen Relikten aus einer Zeit, als die Welt noch nicht in Smart-City und Wildnis geteilt gewesen war.

Das schwache Licht flackerte über die feuchten Betonwände, warf lange Schatten und ließ die Luft schwer und stickig wirken.

Marc kauerte am Eingang, die Augen auf den schmalen Pfad gerichtet, der tiefer in den Wald führte. Seine Finger trommelten unruhig auf einem kleinen Sender herum. Mit dem konnte man die Scanner an den Toren umgehen. Alte Technologie, noch aus der Zeit, als er die Hardware selbst entwickelt hatte.

Timo saß ein paar Meter entfernt auf einem umgedrehten Kasten. Die Arme ver­schränkt, den Blick stur auf den Boden geheftet. Timo war Ende Mai zwölf geworden und fühlte sich eigentlich schon fast erwachsen. Er war in der Stadt groß geworden, wo alles geregelt, überwacht und sicher war – oder zumindest so wirkte.

Seit ein paar Stunden hatten sie nicht mehr gesprochen. Streit lag in der Luft. Die Stille zwischen ihnen war zum Zerreißen gespannt.

»Echt jetzt, Papa? Du übertreibst voll!«, schnauzte Timo ihn schließlich an.

»Die anderen gehen auch alle zum alten Gelände. Wir ziehen uns da halt normale Videos rein, ohne diese ganzen Filter. Richtige Sachen, nicht so ein Fake-Zeug. Da wird man eh nicht erwischt. Und hier draußen gibt’s sowieso keine Kameras mehr, ist doch völlig egal.«

Marc drehte sich langsam um. Sein Gesicht wirkte eingefallen, die Augen rotgerändert von zu wenig Schlaf und zu viel Wachsamkeit.

»Timo«, sagte er leise, fast resigniert. »Das, was uns hierhergebracht hat, waren nicht eure Treffen. Und auch keine ungefilterten Videos.«

Timo zog die Schultern hoch und machte sich klein.

»Ich weiß schon, was jetzt kommt …«

»Dann sag es«, forderte Marc ihn auf. »Sag es selbst.«

Timo schwieg lange. Dann, kaum hörbar:

»Ich hab den Beamten gefilmt. In der verbotenen Zone. Vom Turm beim alten Betonwerk aus.«

Marc nickte langsam, als hätte er diese Worte in seinem Kopf schon tausendmal abgespult.

»Mit Antons Drohne, oder?«

»Nein … mit meinem Handy.« Timo schluckte schwer. »Das Auto stand da unten. Die Kennung war voll deutlich zu sehen. Und der Typ … der hat sich mit einem anderen getroffen. Die standen da einfach mitten im Sperrgebiet und haben was ausgetauscht. Ich dachte halt … ich dachte, wenn ich das poste, merkt vielleicht endlich mal jemand, dass die nur lügen.«

Marc schloss kurz die Augen. »Timo. Du hast doch gewusst, dass man so was niemals hochlädt. Oder?«

»Ja«, murmelte Timo. Seine Stimme war jetzt ganz klein und brüchig. »Anton hat auch gesagt, ich soll’s lassen. Und dass das System die Quelle sofort ortet. Wegen der Metadaten und so …« Er brach ab und wischte sich hastig mit dem Ärmel übers Gesicht.

»Ich weiß ja, dass du recht hast.«

»Und trotzdem hast du es getan.« Marcs Stimme klang nicht einmal mehr wütend, nur noch unendlich erschöpft.

»Du hast es hochgeladen. Zwei Stunden später hingen die ersten Drohnen über unserem Block. Und jetzt suchen sie dich, Timo. Nicht mich. Dich.«

Timo starrte auf seine Hände. Seine Fingernägel waren schwarz vor Dreck.

»Ich wollte doch nur … dass es mal jemand sieht. Und dass die nicht mit allem durchkommen.«

»Ich weiß«, sagte Marc leise.

»Aber das System fragt nicht nach deinen Absichten. Es registriert nur Verstöße. Wir müssen unter dem Radar bleiben, Timo. Eine ganze Weile.«

Stille. Nur das lei­se Rascheln der Blätter und irgendwo weit weg ein Vogel, der viel zu laut klang in dieser toten Welt.

Timo schnaubte immer noch trotzig, kickte gegen einen Stein und warf seine Hände in die Luft.

»Aber warum hast du uns hierhergeschleppt? Ausgerechnet in den Wald? Weg von zu Hause. Und was ist, wenn Mutter jetzt gerade nach Hause kommt?«

Seine Stimme brach leicht, als Timo seine Mutter erwähnte.

Marc er­starrte.

Die Brust zog sich zusammen, als ob eine Faust ihn traf. Seine Frau Stella, Timos Mutter, war nur »kurz inhaftiert« gewesen, wie die offizielle Mitteilung gelautet hatte. Ein Ver­stoß gegen die Medienrichtlinien. Dann nichts mehr. Ver­schwunden unter mysteriösen Umständen.

Keine Akte, keine Leiche, nur eine leere Wohnung in Zone 1.

Marc hatte wochen­lang gesucht, gehackt, riskiert – bis klar wurde, dass Timo der Nächste sein würde.

Deshalb die Flucht.

Deshalb das alles.

»Ich hab das nicht getan, weil ich dich einsperren will«, sagte er leise und blickte Timo durchdringend an. »Ich hab’s getan, weil ich dich liebe. Weil ich nicht noch einen Menschen verlieren will. Deine Mutter … sie hat nur ein paar ungenehmigte Daten ge­teilt. ‚Harmlos‘, hat sie gesagt. Und jetzt ist sie weg.«

Marc schluckte schwer: »Vielleicht für im­mer.«

Timo hob den Kopf, die Augen glänzend.

»Ich will trotz­dem nicht ewig hier im Wald rumirren. Ich will nach Hause.«

Marc sah seinen Sohn lange an. Er drehte sich wieder zum Pfad, die Schultern steif.

»Ende der Diskussion, Timo. Ich kann’s nicht mehr hören.«

Timo schwieg einen Moment, der Trotz in seinen Augen wich ei­nem Hauch von Unsicherheit.

»Aber … hier draußen sind wir doch frei, oder? Das hast du immer gesagt. Freiheit bedeutet doch auch, dass ICH entscheiden darf.«

Marc schüttelte den Kopf, trat näher und legte eine Hand auf Timos Schulter. Väterlicher Schutz.

»Freiheit bedeutet nicht, … blind in Fallen zu laufen.« Er machte eine Pause, seine Stimme wurde fester.

»Sie bedeutet, kluge Entscheidungen zu treffen. Und ich lasse nicht zu, dass du denselben Fehler machst wie sie. Nicht, solange ich atme.«

Timo schüttelte die Hand ab, drehte sich weg. Die Stille kehrte zurück, schwerer als zuvor. Draußen raschelte etwas im Unter­holz – vielleicht ein Tier, vielleicht mehr. Marc spannte sich an, griff instinktiv nach seinem Störsender.

Timo drehte sich trotzig zur Seite und kickte einen trockenen Ast weg. Das Holz knallte gegen einen Fels. Ein kurzer, schar­fer Laut, der im Wald viel zu laut klang.

Marc er­schrak. Ein leises, hohes Summen erhob sich. Kaum wahr­nehmbar, aber er kannte es besser als seinen eigenen Herz­schlag. Ein kühler Luftzug begleitete ihr Summen.

Marc hielt den Atem an.

»Duck dich«, zischte er, so leise, dass es kaum mehr als ein Atemzug war. Timo verstand nicht sofort, öffnete schon den Mund zu einer patzigen Antwort. Da packte Marc ihn am Kra­gen und riss ihn unsanft zu Boden. Sie warfen sich hinter einen umgestürzten Baumstamm und pressten sich flach ins nasse Laub.

Dann sahen sie ihn.

Einen Schwarm, vielleicht fünfzig oder sech­zig winzige Punkte, nicht größer als gewöhnliche Bienen, flog in präziser Formation knapp drei Meter über dem Waldboden her­an. Die Sonne brach sich in ihren facettierten Körpern, ein sanf­tes, fast schönes Funkeln – bis die hauchdünnen Laserstrahlen aufblitzten, rote und grüne Fäden, die den Boden, die Bäume, jeden Grashalm abtasteten. Ein leises, rhythmisches, sehr hohes, fast unhörbares Piepen begleitete jede Bewegung.

Timo zog sich die Kapuze über das Gesicht. Sein Herz hämmerte so laut, dass er sicher war, sie könnten es hören.

Der Schwarm zog vorbei, bog nach links ab, verschwand zwi­schen den Stämmen. Das Summen wurde leiser, bis nur noch das Rauschen der Blätter übrig blieb. Marc wartete noch zehn Sekunden, zwanzig, dreißig. Dann erst richtete er sich langsam auf, zog Timo mit hoch.

»Hier können wir nicht bleiben«, sagte er, die Stimme rau vor unterdrückter Panik. »Wir sind zu nah an der Stadt.« Timo starrte ihn an, im­mer noch blass.

»Was … war das?«

»Sektor 4«, antwortete Marc.

»Vier Kilometer Radius. Die neu­en Nanos2. Sie scannen alles: Wärme, Bewegung, sogar die Atemluft. Jede Abweichung wird sofort an die Zen­trale gemeldet.«

Er schluckte hart.

»Und dann schicken sie die Hunde.«

Er packte Timo am Arm, fester als nötig.

»Wir gehen tiefer rein. Jetzt.« Timo nickte nur, diesmal ohne Widerrede. Der Trotz war aus seinem Gesicht gewichen, ersetzt durch etwas, das fast wie Angst aussah. Timo verstand, dass die Freiheit draußen ihren eigenen, sehr hohen Preis hatte. Marc drehte sich um, warf einen letzten Blick zurück in Richtung der unsichtba­ren Stadtgrenze. Dann verschwanden Vater und Sohn zwischen den Bäumen, tiefer in den Wald, wo das Summen der Wächterschwärme noch lange in ihren Ohren nachhallte.

Spät am Abend, als der Himmel über dem Blätterdach bereits tiefschwarz geworden war, ließ sich Marc erschöpft gegen einen knorrigen Stamm sinken. Timo kauerte neben ihm, die Knie an­gezogen, das Gesicht vom tagelangen Marsch und dem ständi­gen Ducken voller Schmutzstreifen.

Marc warf einen letzten Blick zurück. Das Dickicht, durch das sie sich den ganzen Tag geschleppt hatten, war nur noch ein un­durchdringliches Schwarz. Kein Lichtschimmer mehr, kein Ori­entierungspunkt. Selbst das ferne Summen der Nanos war verklungen. Nur das leise Knacken des Waldes und das eigene, keuchende Atmen.

Marc orientierte sich am Moos an den Bäumen, wie er es in al­ten Karten gelernt hatte.

Die vergessene Station musste irgendwo hier draußen liegen. Eine Trafostation aus den zwanziger Jahren, halb eingewachsen, aber eigentlich noch funktionsfähig. Damals, als er noch als »rechtschaffener« Systemingenieur gegolten hatte, war er regelmäßig hier gewesen, um die Relais zu warten, die Soft­ware zu patchen, die Antennen auszurichten.

Er hatte den Job geliebt. Gute Bezahlung, Respekt, und vor allem: Privilegien. Doch nach der Energiewende wurden diese Stationen überflüs­sig.

Heute war alles dezentralisiert. Kleinere Stromquellen er­setzten nach und nach die großen Stromtrassen. Diese Boxen, unauffällig wie ein großer Reisekoffer, liefen mit Wasserstoff oder Biogas. Sie versorgten den ganzen Haushalt mit Strom, ohne dass man auf eine externe Quelle angewiesen war. Sie sollten Autarkie bringen. Marc hatte das Scheitern der großen Träume früh kommen sehen: die Blackouts, die leeren Verspre­chen des grünen Traums.

Als einer der Ersten in der Straße hatte er sich gleich eine größe­re Einheit besorgt, sie tief im Keller versteckt und jahrelang ge­heim gehalten. Aus Angst, dass das System es als Verrat deuten würde: eine unabhängige Insel in ihrem Netz aus Kontrolle. Er hatte für seine Familie vorgesorgt, für Timo, für die Zukunft. Doch als die Überwachung in jede Zelle sickerte und jede Abwei­chung trackte, war klar geworden: Selbst Autarkie war nur eine Illusion.

Timo hatte zu Hause bleiben dürfen. Kein täglicher Marsch in die überfüllten Schul-Korridore, keine stundenlangen Sitzungen vor den riesigen KI-gesteuerten Leinwänden. Stattdessen Fernun­terricht, direkt aus dem zentralen »Mentorat«. Eine sanf­te, freundliche Frauenstimme, die ihm Mathe, Geschichte und die offiziell genehmigte Moral beibrachte. Marc hatte sich si­cher gefühlt. Sein Sohn war wohlbehütet, sauber, kontrolliert. Nur seine Frau hatte nicht aufgehört, Fragen zu stellen.

Seine Finger krampften sich um die Lampe, als die Erinnerung an Stellas leeres Terminal aufblitzte.

»Gerechtigkeit gibt es nicht mehr, Marc«, hatte sie gesagt, die Augen voller Feuer. »Nur noch Gehorsam.« Dann hatte sie einen Text gepostet – nichts Extremes, nur ein paar Sätze über Gleichheit, über das Recht auf eigene Gedanken. Und mit Vorschlägen, wie man eine gerechte Welt aufbauen könnte, in der Kinder noch Kinder sein dürfen. Am nächsten Tag, als er nach Hause kam, war die Wohnung leer.

Marc schloss die Augen. Die Schuld fraß ihn immer noch auf. Er hatte sie gewarnt. Hatte gebettelt. Und doch konnte er nicht verhindern, dass sie vom System bereits Wochen vorher als »Auffällige« markiert wurde.

Ihr Score rutschte unaufhaltsam ins Minus.

»Papa?«, Timos Stimme war nur noch ein heiseres Flüstern. »Kriegen die uns?«

Marc schüttelte den Kopf – mehr, um sich selbst zu überzeugen als seinen Sohn.

»Nein. Die Station muss hier irgendwo sein. Ich finde sie, versprochen.«

Er stand auf, zog Timo hoch. Die Hand seines Jungen war kalt und zitterte leicht. Marc drückte sie kurz – ein stummer Schwur. Er nahm die kleine Taschenlampe aus seiner Umhängetasche und schaltete sie an. Die Rucksäcke, mit ein paar Vorräten und dem Schlafsack von zu Hause, warfen sie sich wieder auf die Rücken.

»Wir gehen weiter. Egal wie dunkel es wird.«

Denn zurück gab es nicht mehr. Nicht, nachdem er gesehen hat­te, was aus denen wurde, die blieben.


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