Kapitel 10 – AL

Sein echter Name, Youssef Al-Nouryl, war schon lange vergessen, sogar von ihm selbst. Die wenigen, die ihn kannten, nannten ihn nur AL, ein Synonym für ‚Angel Lonesome‘. Ein Alias aus seiner Teenagerzeit, als das Netz noch sein Spielplatz gewesen war.

Der Name kam aus einem alten Song, den seine Mutter immer summte, bevor sie verschwand: »An­gel« für die unsichtbare Hilfe, die er manchmal gab, wie ein Flüstern im Code. »Lonesome« für den Preis, den er dafür zahl­te: Einsamkeit, wie ein Makel, der jede Verbindung zeichnete.

Seine Eltern waren in der großen Flüchtlingswelle in den zwan­ziger Jahren nach Europa gekommen. Vater, ein Ingenieur, hatte schnell Fuß gefasst und war in der Milchindustrie aufgestiegen, bis zum Manager. Ein Mann, der Maschinen bändigte, bis das System ihn bändigte.

Mutter hatte in der Kinderbetreuung für Migrantenfamilien gearbeitet und war zur Koordinatorin gewor­den. Ihre Stimme, ein Trost in der Kälte der neuen Welt.

Vor den Ressourcenkämpfen, Mitte der Dreißiger, hatten sie ein kleines Ver­mögen gespart. Genug, um Youssef ein gutes Leben zu ermög­lichen, ein Puffer gegen die kommenden Stürme. Youssef ging auf die höhere Schule und studierte später Medi­entechnologie. Dort lernte er einen Kommilitonen kennen, der ihm das Schürfen von Kryptowährung beibrachte.

Zuerst als Nebenprojekt, dann als Leidenschaft.

Es war ein digitales Goldgräber­fieber in Zeiten, als Bits noch frei flossen. Die Lizenz, die er sich damals erworben hatte, wurde ihm von der neuen Verwaltung überraschenderweise gelassen, weil er als nützlicher Beschaffer für Dinge galt, die offiziell nicht existierten. Codes, die Türen öffneten, wo Scanner versagten.

Youssef war nun Anfang dreißig, vielleicht etwas älter. Niemand wusste es genau, weil er nie ein offizielles Alter angab, als wäre Zeit ein weiterer Code, den er knackte. Schlank, fast dürr, mit langen, ungepflegten schwarzen Haaren, die er meist unter einer Kapuze versteckte. Seine Augen waren das Auffälligste: hell­grau, fast durchsichtig, als hätten sie zu viel Bildschirmlicht ge­sehen. Augen, die durch Schichten drangen, aber nichts mehr hielten.

Markante Backenknochen und eine große, krumme Nase zierten sein Gesicht. Der Rücken gekrümmt vom vielen Sitzen vor den Terminals.

Er hatte etwas von einem großen Greifvogel, nur ohne Flügel. Ein Raubvogel, der im Käfig kreiste.

AL trug immer dasselbe: ei­nen alten, mehrfach geflickten Hoodie, fingerlose Handschuhe und eine Datenbrille, die er selbst modifiziert hatte – halb AR11, halb Infrarot. Die hatte er immer auf dem Kopf, nie auf den Augen. Er nahm sie kaum herunter, sie summte wie ein zweites Herz. AL lebte in Zone 5, Parterrewohnung. In einem der grauen Blö­cke, wo die Wände dünn waren und die Nachbarn nie fragten. Ein Labyrinth aus Beton, wo Schreie durchdrangen, aber Ge­heimnisse starben. Seine Wohnung war ein Chaos aus Kabeln, alten Servern, 3-D-Druckern und einem einzigen, selbstgebauten Krypto-Rechner. Der lief rund um die Uhr, ein monotones Summen, das den Raum füllte wie ein Mantra.

AL hatte kein Bett, nur eine Matratze in der Ecke, fleckig und hart. Kein Kühlschrank, nur Energiedrinks und Trockennahrung, die nach Pappe schmeckte. Er verließ die Wohnung fast nie. Alles, was er brauchte, kam per Drohne oder durch den verborgenen Netz­markt. Ein unsichtbares Netz, das er webte, während das Sys­tem zusah.

Früher war er einer der Besten gewesen. Ein Wunderkind der Systementwicklung. Direkt nach der Uni wurde er rekrutiert für die gro­ßen Tech-Konzerne, die später das Rückgrat der Stadtüberwa­chung bauten. Er hatte mit Mara zusammengearbeitet – damals jung, idealistisch, beide glaubten, sie würden die Welt sicherer machen. Codes schreiben, die Leben schützten. Sie hatten die erste Software für die SeGuRos mitentwickelt und später für die Nano-Schwärme. Werkzeuge, die anfangs wie ein Segen wirkten, dann wie Ketten.

Dann kam der Bruch.

Youssef sah als Erster, wohin es führte. Als die ersten »Abweich­ler« verschwanden. Namen, die die Datenbanken löschten wie Rauch. Als die Algorithmen nicht mehr nur überwachten, son­dern urteilten, strichen sie Leben wie Codezeilen.

Er kündigte über Nacht, löschte seine Spuren und tauchte ab. Seitdem war er ein Geist im System.

Er half denen, die flohen, mit gefälschten IDs, umgeleiteten Signalen und gestohlenen Credits.

Aber immer gegen einen Preis. Nicht aus Gier. Sondern weil er wusste: Nichts ist umsonst in dieser Welt.

Nur wer helfen kann, dem wurde selbst geholfen.

Mara war eine der wenigen, die seinen echten Standort kannten. Und eine der wenigen, denen er vertraute oder zumindest so viel traute, wie er überhaupt noch konnte, ein Faden in der Dun­kelheit.

Angel Lonesome war kein Held. Er war ein Überlebender. Ein Engel, der seine Flügel verloren hatte. Und einsam, weil er wusste: In dieser Stadt war Vertrauen der schnellste Weg ins Grab.

Aber für Mara würde er die Tür öffnen…


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