Eryk Vale war keiner von denen, die erst aufwachten, als es schon zu spät war. Er hatte es kommen sehen, lange bevor die anderen überhaupt das Wort »Credit-Score5« buchstabieren konnten. Mitte der Zwanziger Jahre hatte er angefangen: leise, systematisch, ohne viel Worte.
Er machte seinen Keller voll mit vakuumierten Reissäcken, Medikamenten, Antibiotika und Wasserfiltern. Ein alter Land-Cruiser mit Dieseltanks im Kofferraum, Solarpaneelen auf dem Dach und ein Kurzwellenfunkgerät, das er selbst zusammengelötet hatte.
Die Nachbarn lachten damals noch. »Der Verrückte mit dem Bunker.«
Anfang der dreißiger Jahre lachte niemand mehr.
Als die ersten Social-Credit-Punkte eingeführt wurden und ein einziger falscher Post minus zweihundert Punkte brachte, verkaufte er seine Wohnung in der Stadt über Nacht. Packte alles, was er hatte auf den Cruiser, löschte seine Profile und verschwand. Kein Abschied, kein Brief. Nur ein letzter Blick auf die Skyline und dann die Landstraße nach Süden.
Sein Ziel: ein verfallener Vierseitenhof, 780 Kilometer von seinem alten Wohnort entfernt. Mitten in Sektor 13. Tief in einem Tal, das auf keiner neuen Karte mehr stand. Alte Leute, die ihn aufgeben mussten, hatten inseriert.
Der Hof hieß früher »Letzte Meile«.
Jetzt war er einfach nur Zuflucht und Zuhause.
Acht Menschen lebten dort, nicht mehr und nicht weniger:
• Eryk selbst, 42, sehnig, still, immer wach.
• Paul, 58, ehemaliger Förster, kannte jeden Baum, jeden Wildwechsel, jeden Bach.
• Anna und Lukas, Anfang dreißig, mit drei kleinen Kindern (Leon, Maria und Valerie, 10, 7 und 4 Jahre alt), die noch nie eine Drohne aus der Nähe gesehen hatten.
• Klara, 42, Tierärztin, die ein bisschen wunderlich war, aber mit goldenen Händen. Sie pflegte das alte, lahme Pferd Sturm, das sie aus einem beschlagnahmten Gestüt mitgebracht hatte.
Sie lebten von dem, was der Boden hergab.
Brunnenwasser, Holzofen, ein paar Hühner, zwei Ziegen, ein großer Gemüsegarten, den sie im Frühjahr gemeinsam angelegt hatten, mit einem Gewächshaus aus Stahl und Glas.
Strom kam von ein paar alten Solarpaneelen auf dem Scheunendach und einem Windrad, das Eryk aus Schrott zusammengebaut hatte.
Internet gab es nicht. Mobilfunk auch nicht.
Eryk hatte noch einen CB-Funkempfänger, ein selbstgebautes Gerät, und er benutzte es nur, wenn es wirklich sein musste. Über dem Scheunentor hatte Eryk mit dem Messer drei Sätze in den Balken geritzt:
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