Kapitel 4 – Jonas

Jonas war ein Koloss. 2,02 Meter, breite Schultern, Hände wie Schaufeln, Glatze, die im Neonlicht der Stadt glänzte. Wenn er früher vor dem »Golde­nen Drachen« stand, dem letzten echten Kasino der Stadt, mussten die Überwachungskameras kaum noch zu arbeiten. Ein Blick von ihm reichte, und selbst die Betrunkensten wurden plötzlich höflich.

Die Leute nannten ihn respektvoll »den Turm«. Er lächelte sel­ten, aber wenn, dann war es echt. Dann kam die große »Sicher­heitsreform«. Biometrische Tore, Gesichtsscanner, Drohnen und Kameras an jeder Ecke. Menschen wurden überflüssig. Das Kasino schloss. Jonas mel­dete sich bei drei Sicherheitsfirmen – überall dasselbe:

»Danke für Ihr Interesse, aber wir setzen jetzt auf KI-gestützte Syste­me.«

Von einem Tag auf den anderen war der Turm ohne Tür. Zu Hause, in der winzigen Wohnung in Zone 5 Block 17-C, wurde es still. Seine Frau Lena hielt es zwei Jahre aus. Seine Schweigsam­keit, die Nächte, in denen er nur dasaß und ins Leere starrte, die leeren Bierdosen, die sich stapelten. Eines Morgens war sie weg. Lenas Hände zitterten, als sie den Zettel schrieb:

»Ich kann nicht mehr zusehen, wie du dich selbst begräbst.« Seither lebt Jonas in seinem 20-Quadratmeter-Käfig aus Dun­kelheit und künstlichem Licht.

Tagsüber schlief er. Abends setzte er die 3-D-Brille auf, steckte die Sensor-Hand­schuhe an und tauchte ein in die Simulationswelten. Dort war er wieder jemand:

• Sergeant Iron in WarZone 47

• Der Koloss in Urban Siege

• ein unzerstörbarer Riese, der ganze Armeen niedermäht, Frauen rettet, Medaillen bekommt.

In der Wirklichkeit wog Jonas 142 Kilo, fast nur noch Fett über den alten Muskeln, und seine Hände zitterten, wenn er die Bier­dose an den Mund führte. Er sprach seit Monaten mit keinem Menschen mehr, nur mit den NPCs, die ihm sagten:

»Gute Ar­beit, Soldat.«

Manchmal, wenn die Simulation abstürzte und die Brille dunkel wurde, saß er im schwarzen Zimmer, starrte sein Spiegelbild im ausgeschalteten Bildschirm an und flüsterte:

»Lebe ich eigentlich noch?«

Er wusste nicht, dass genau diese Sucht nach virtuellem Hel­dentum ihn bald in die reale Hölle führen würde und vielleicht auch zur einzigen Chance, wieder etwas zu bedeuten.


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