Kapitel 1 – Mara

Mara riss die Augen auf. Ein metallischer Geschmack lag auf ihrer Zunge und ein dumpfer Druck pochte hinter ihren Schläfen. Das Nachwirken des Beruhigungsmittels, das sie ihr vor Stunden in den Hals gejagt hatten. Ihre Handgelenke und Knöchel waren mit breiten, weichen Bändern an die Metallpritsche fixiert. Nicht brutal, aber unnachgiebig. Sie konnte sich kaum bewegen, nur den Kopf ein wenig drehen.

Der Raum war klein, fast quadratisch, die Wände in einem sterilen Hellgrau gestrichen, das jede Wärme verschluckte. Keine Bilder, keine Fenster, keine persönliche Note. In einer Ecke stand ein Monitor auf einem fahrbaren Gestell. Der Bildschirm war dunkel, als warte er auf einen Befehl. Daneben ein einfacher Stuhl vor einem schmalen Tisch, darauf nichts als eine dünne Aktenmappe. Das war alles.

Mara sah sich um, soweit sie den Kopf drehen konnte. Sie suchte ihre Kleider, nichts. Kein Spind, ihr Rucksack, alles weg. Dann schaute sie an sich hinunter. Nur ihre Unterwäsche hatten sie ihr angelassen und darüber den grauen Patientenkittel übergezogen.

Von draußen kam kein Geräusch, keine Schritte im Flur, der Ventilator still. Nur das leise, stetige Piepen eines Sensorarmbands am linken Arm, das ihre Vitalwerte überwachte. Mara hob den Blick zur Decke. Direkt über ihr hing die Kamera, ein schwarzes, rundes Auge mit einer kleinen roten LED, die unerbittlich blinkte. Sie beobachteten sie. Immer. Sie wusste das, kannte diese Art von Aufmerksamkeit. Kalt, mechanisch, ohne Gnade.

Langsam krochen die Erinnerungen zurück, zuerst wie Fetzen, dann klarer. Sie hatte das abgebrochene Gebäude spätabends verlassen, als die Straßen bereits leer waren. Der eine intakte Kellerraum diente ihr als illegaler Unterschlupf. Sie war auf dem Weg zum ehemaligen Haus ihres Vaters, wollte Informationen.

Doch der Stadtbezirk, in dem er gelebt hatte, lag jenseits der genehmigten Zone. Ein Sperrbezirk.

Sie hatte die Warnschilder ignoriert, die biometrischen Scanner umgangen, war durch eine Seitengasse geschlüpft. Dann die Lichter der Streife, das plötzliche Aufblitzen von Taschenlampen, die Stimme:

»Halt! Identifikation!«

Ein kurzer Kampf. Sinnlos.

Die Nadel in ihrem Hals. Dunkelheit. Jetzt lag sie hier und die Kamera starrte weiter auf sie herab. Ihre Gedanken rasten zu den Geschichten, die geflüstert wurden: Fragen, die in den Kopf bohrten, Anpassungen, die den Willen brachen.

Mara schloss die Augen und die Nebel des Beruhigungsmittels rissen weiter auf. Die Bilder kamen jetzt schärfer, schneller, als wollten sie die Lücke in ihrem Kopf mit Gewalt füllen. Sie stand gerade vor dem Haus ihres Vaters. Einem der vielen identischen, grauen Würfel in Zone 3, einem Ring der Stadt, wo die Privilegierten wohnten.

Die Systemtreuen, die Ergebenen, jene, die nie fragten. Das Gebäude war verlassen, wie so viele andere in diesem Bezirk. Die Fenster dunkel, die Türen mit schweren Platten versiegelt, gesichert durch digitale Codes, die nur die Stadtverwaltung kannte.

Kein Zutritt für Unbefugte.

Keine Erklärung.

Seit zwei Jahren verschwanden Menschen spurlos. Eines Tages waren sie einfach weg. Keine Leiche, keine Verhaftung, keine Aktennotiz. Die Medien sprachen von »Säuberungsaktionen«. Von »notwendigen Maßnahmen zur Sicherung der Stabilität«. Man zeigte Bilder von leeren Wohnungen, die »freiwillig geräumt« worden waren, und lobte die Effizienz des Systems.

Mara hatte die Berichte gesehen, immer dieselben Formulierungen, dieselben gesichtslosen Sprecher. Seit Langem wurde nur noch berichtet, was dem System diente. Die Wahrheit war ein Luxus, den sich niemand mehr leisten konnte.

Ihr Vater war einer der Inneren gewesen. Er hatte sich hochgearbeitet. Von den unteren Ebenen bis in die Kreise, wo Entscheidungen fielen. Er hatte ihr beigebracht, wie man Schlupflöcher fand, wie man die Scanner täuschte, wie man durch die Maschen schlüpfte. »Das System ist stark«, hatte er einmal gesagt, »aber es ist nicht allmächtig. Es hat immer eine Schwachstelle.« Dann war er in Ungnade gefallen. Ein falsches Wort, eine zu neugierige Frage, ein Verdacht. Niemand wusste es genau. Von einem Tag auf den anderen war er weg.

Kein Prozess, kein Abschied.

Nur die versiegelte Tür.

Mara hatte Antworten gewollt. Nicht für die Öffentlichkeit, nur für sich. Sie hatte die alten Tricks ihres Vaters angewandt: einen gefälschten Zugangscode, eine manipulierte ID, eine Route durch die Wartungsschächte. Sie war bis zur Straße vorgedrungen, nur noch wenige Meter vom Haus entfernt. Dann die Streife.

Die Lichter.

Die Nadel.

Jetzt lag sie hier. Sie wusste, was als Nächstes kam: die Vernehmung. Die Fragen. Die Anpassung.

Und irgendwo in den Akten der Stadtverwaltung stand bereits ihr Name – neben dem ihres Vaters. Aber noch war sie nicht gebrochen. Noch nicht.

Mara lag still, aber ihre Gedanken rasten hinter der ruhigen Fassade. Das letzte Mal war es einfacher gewesen. Damals hatte sie das kleine Werkzeug ihres Vaters noch bei sich gehabt, ein unscheinbares Gerät, kaum größer als ein Feuerzeug. Es konnte Frequenzen manipulieren, Schlösser täuschen, Kameras für Sekunden blenden.

Mit ihm war sie unbemerkt aus einem ähnlichen Raum geschlüpft, durch die Gänge geglitten und in der Nacht verschwunden. Die Wachen hatten nichts bemerkt. Die Stadt hatte sie für einen Fehler im System gehalten.

Diesmal war es anders. Bei der Festnahme hatten sie ihr alles abgenommen, den Rucksack, die Kleidung, sogar die versteckte Tasche in ihrem Stiefel. Das Werkzeug war weg. Sie war nackt vor dem System, hilflos an die Pritsche gefesselt. Nur die Kamera blickte weiter herab. Ein stummer Wächter, der jede Regung registrierte.

Mara starrte die Kamera an, wollte provozieren, streckte die Zunge heraus und zeigte mit dem gestreckten Mittelfinger nach oben.

Keine Reaktion. Doch: Ein leises Zischen ertönte.

Die Tür glitt auf, präzise und geräuschlos wie immer, in diesen Einrichtungen.

Zuerst sah sie nur den SeGuRo1 auf dem Gang: eine massive, humanoide Silhouette aus mattschwarzem Metall. Die neonblauen Sensoraugen glühten schwach. Er stand reglos da, wie festgenagelt, die Arme mit integrierten Waffen, leicht gesenkt. Kein Wort, keine Bewegung – nur Präsenz.

Eine Mahnung.

Dann trat Dr. Sara Weißmann ein. Mitte fünfzig, schlank und aufrecht. Der weiße Kittel makellos. Das elektronische Stethoskop um den Hals, wie ein Symbol ihrer Autorität. Ihr Gesicht war hart, die Züge scharf geschnitten, die grauen Haare streng zurückgebunden.

Die Augen, kalt und durchdringend, musterten Mara mit der distanzierten Neugier einer Wissenschaftlerin, die ein Experiment betrachtet.

Mara kannte sie. Zu gut.

Dr. Weißmann war diejenige, die die »Anpassungen« überwachte, und die Vernehmungen leitete. Sie entschied, ob jemand noch »zu retten« war oder ob die

Säuberung endgültig wurde.

»Willkommen zurück, Mara«, sagte die Ärztin mit ruhiger, fast freundlicher Stimme, während sie die Tür hinter sich schloss.

Mara schwieg. Sie wusste, dass jetzt jedes Wort gewogen wurde. Und dass das Spiel erneut begann.

Weißmann trat näher an die Pritsche heran. Ihre Schritte hallten leise auf dem glatten Boden wider. Sie blieb stehen, verschränkte die Arme und musterte Mara mit diesem klinischen Blick, der nichts Menschliches an sich hatte – nur Berechnung.

»Meine liebe Mara Lisa …«, sagte sie leise, jeden Buchstaben betonend, fast sanft, als spräche sie zu einem Kind.

»Warum sträubst du dich noch immer?« Sie machte eine Pause, als erwarte sie tatsächlich eine Antwort. Doch Mara starrte nur an die Decke, die Lippen fest zusammengepresst. Als sie »Mara Lisa« sagte, warf sie ihr einen kurzen, verächtlichen Blick zu. Mara hasste es, wenn sie so genannt wurde. Ihre Mutter hatte sie als kleines Mädchen immer dann so gerufen, wenn sie etwas angestellt hatte.

»Es wäre so viel einfacher für dich, wenn du deinen Widerstand aufgeben würdest.« Weißmann seufzte leise, ein theatralisches Seufzen, das in diesem Raum absurd wirkte. »Aber du bist genau wie dein Vater. Immer hielt er sich für etwas Besseres, nie wollte er nachgeben. Bis zu dem Tag, an dem er das System verriet, war er hochgeachtet. Respektiert. Ein Mann mit Zukunft.«

Sie trat noch einen Schritt näher, senkte die Stimme. »Aber dann machte er diesen Fehler.« Das Wort »Fehler« hing einen Moment in der Luft, schwer und endgültig.

»Ich hoffe, du wirst nicht in seine Fußstapfen treten. Ich halte dich für schlauer.« Dr. Weißmann beugte sich nach vorn. Sie stützte sich mit einer Hand auf die Kante der Pritsche. Direkt über Maras Gesicht baumelte das elektronische Stethoskop. Ihre Finger zitterten, als sie es an Maras Hals anlegte.

Mara sah einen kurzen Moment in ihre grau-grünen Augen, bemerkte die tiefen Runzeln auf ihrer Stirn; sie sah alt und verbraucht aus in diesem Moment.

»Wir wollen doch nur, dass du uns deine Gaben zur Verfügung stellst. Wir könnten jemanden wie dich gut gebrauchen. Du weißt ja, was in der Stadt los ist. Überall diese Gesetzlosen, die wir loswerden müssen.«

Ihre Stimme wurde noch leiser, fast vertraulich.

»Ich möchte nicht, dass du dazugehörst, verstehst du?«

Mara sagte kein Wort. Sie spürte, wie Zorn in ihr aufstieg, aber sie schwieg.

Ihre Augen blieben auf die LED der Kamera gerichtet, als könnte sie es allein durch Willenskraft zum Erlöschen bringen. Ihr Atem ging gleichmäßig, flach. Kein Zucken, kein Blinzeln, das Weißmann eine Regung hätte geben können.

Die Ärztin richtete sich wieder auf, ein kaum wahrnehmbares Lächeln spielte um ihre Mundwinkel. Nicht triumphierend, eher resigniert, als hätte sie genau diese Stille erwartet.

»Du hast Zeit zum Nachdenken«, sagte sie schließlich und wandte sich zur Tür.

»Aber nicht viel.« Die Tür glitt auf, der SeGuRo stand immer noch reglos da, ein schwarzer Schatten im Flur. Weißmann trat hinaus, gab einen kurzen Befehl:

»Sichern.« Ohne sich noch einmal umzudrehen. Der Roboter reagierte und trat ein, stellte sich innen vor die Tür. Ein stummer Wächter, der auf Algorithmen und programmierte Stimmen gehorchte. Die Tür schloss sich mit demselben leisen Zischen.

Mara blieb allein mit der Stille und mit der Gewissheit: alles wie beim ersten Mal. Sie lag zwar reglos da, während Weißmann den Raum verließ, doch in ihrem Kopf arbeitete es fieberhaft. Die Ärztin hatte recht – sie war schlauer als ihr Vater. Schlauer, weil sie gelernt hatte, dass offener Widerstand nichts brachte. Aber aufgeben? Niemals.

Mara dachte nach. Wie komme ich hier weg? Sie sah sich den Typ des SeGuRo genauer an. Ein SG-27-B. Sie kannte das Modell gut, hatte die Software damals auf dem Camp mitentwickelt.

Dann fiel es ihr wieder ein. Sie hatten sich bei der Programmierung einen Spaß erlaubt. Youssef, ihr Partner im Entwicklungsteam, liebte Waschmaschinen, wegen ihrer einfachen Programmierung. Drei Knöpfe gleichzeitig drücken und man kam ins Setup.

Das brachte ihn auf die Idee mit der Sprachsteuerung bei den SG, deren Funktionen recht einfach zu handhaben waren.

Wie war das nochmal? Dieser Spruch entstand in einer Bierlaune, abends in Youssefs Lieblings-Pub:

»Wilde Waschweiber waschen weiße weiche Wollwaren.« Mara sagte es probeweise. Nichts, keine Reaktion. Stopp. Die Befehlskette fehlt.

»Setup Doppelpunkt wilde Waschweiber waschen komma weiße komma weiche Wollwaren punkt« Der SG-27 drehte sich zu ihr, sah sie direkt an.

»Setup genehmigt. Authentifizierung erforderlich.«

Seine Stimme monoton, wartend auf die Freigabe.

Mara nannte das Passwort:

»Wollwaschgang.«

Der Roboter drehte sich vollends zu ihr:

»Adminrechte für Setup erteilt. Stimme gespeichert.«

Mara grinste zufrieden, sie hatte ihn auf ihrer Seite. Jetzt musste sie nur noch die Fesseln loswerden. Sie hatte die Fernbedienung in Weißmanns Kitteltasche gesehen, ein flaches, schwarzes Gerät mit Kontaktflächen.

Aber wie rankommen?

Dann kam die Idee.

Mara begann, tief und langsam einzuatmen.

Dann aus. Ein. Aus.

Rhythmisch zuerst, dann schneller.

Immer schneller.

Sie hyperventilierte bewusst, zog die Luft in scharfen Stößen ein, bis ihre Lungen brannten und der Sauerstoff ihr Gehirn flutete. Der Raum begann sich zu drehen. Ihr Herz raste, pochte laut in ihren Ohren. Sie warf einen kurzen Blick auf ihr Armband. Die rote LED blinkte jetzt schneller. Nicht mehr im gleichmäßigen Takt, sondern hektisch, synchron zu ihrem Puls. Der Sensor registrierte Herzfrequenz, Sauerstoff, Stresswerte – alles wurde überschritten.

Der SeGuRo rührte sich nicht vom Fleck, wartete auf Maras Befehle.

Sie machte weiter, schneller, bis schwarze Flecken vor ihren Augen tanzten und ihr schwindelig wurde. Ihr Körper bäumte sich auf, so weit es die Fesseln zuließen.

Sie keuchte, schnaufte wild, wand sich krampfhaft auf der Pritsche, als würde sie einen Anfall erleiden.

Die Tür zischte auf. Weißmann stürmte herein, das Gesicht angespannt, das elektronische Stethoskop schon in der Hand.

»Mara! Was machst du da?«

Die Stimme der Ärztin war scharf, besorgt. Und genau das war der Plan. Die Fernbedienung steckte noch im Kittel.

Sehr gut.

Mara stöhnte laut, verdrehte die Augen, warf den Kopf hin und her. Ihre langen Dreads flogen, peitschten über das Kissen. Sie wand sich stärker, als wollte sie sich selbst von der Pritsche reißen. Weißmann war jetzt direkt neben ihr, beugte sich über sie und legte das Stethoskop an Maras Hals, prüfte den Puls an ihrem Handgelenk. Dabei lockerte sie eine Fessel, um besser messen zu können. Noch ein bisschen mehr Chaos, noch ein bisschen mehr Ablenkung.

Mara krümmte sich ein letztes Mal, als hätte sie einen Krampf, und schrie leise auf.

Weißmann geriet in Panik. Sie wirbelte herum und rannte hinaus auf den Flur. Ihre Stimme hallte schrill durch die offene Tür. Ein Befehl, ein Schrei, den Mara nicht mehr verstand. In ihren Ohren war nur ein dumpfes Rauschen, als hätte jemand Watte in ihren Kopf gestopft. Der Raum drehte sich, die Welt wurde weich und fern.

Dann kamen sie zurück. Weißmann, gefolgt von einem Pfleger in grauer Uniform. Ein junger Mann mit angespanntem Gesicht, der einen medizinischen Koffer trug. Die Ärztin gestikulierte hektisch. Mara verstand nichts, nur das Rauschen in ihren Ohren. Die beiden schienen sich nicht einig zu sein; der Pfleger schüttelte den Kopf, doch Weißmann insistierte.

Schließlich beugte er sich über die Pritsche. Öffnete die lockere Handfessel. Das metallische Klicken drang klar durch den Nebel. Das Geräusch weckte Mara wie ein Signal.

Die rechte Hand war frei.

Weißmann stand jetzt direkt hinter der Pritsche. Ihr Gesicht eine Maske aus professioneller Sorge und leichter Verwirrung. Sie wusste nicht, was sie von diesem »Anfall« halten sollte.

Mit ihren Händen wollte sie Maras Oberkörper festhalten.

Genau darauf hatte Mara gewartet.

Mara schnellte vor, als würde der Krampf sie nach oben reißen. Ihre freie Hand schoss scheinbar unkontrolliert heraus.

Weißmann, jetzt direkt über ihr, versuchte, Mara noch fester auf die Pritsche zu drücken. Der weiße Kittel mit der offenen Tasche baumelte über ihrem Körper.

Mara drückte unauffällig die beiden Kontaktflächen der Fernbedienung. Ein winziges Summen wie ein Befreiungsschlag.

Dreifaches Klicken und die restlichen Fesseln öffneten sich.

Dann tauchte sie unter Weißmanns Zugriff weg, rollte sich über den Boden und verschwand unter der Pritsche.

»SG – Zugriff und Fixierung!«, gellte ihre Stimme aus dem Versteck.

Ein metallisches Klacken, das Surren von Servomotoren. Die Greifer des SeGuRo schossen vor wie zuschlagende Fallen.

»Was zum … ?!«, herrschte der Pfleger und riss den Arm hoch, doch die Stahlklammer schloss sich bereits mit unerbittlicher Präzision um sein Handgelenk.

»Lass los, du dämliches Stück Schrott!«, brüllte er und zerrte an der Fixierung, doch der Roboter rührte sich nicht. Er stand da wie eine unerschütterliche Statue aus Chrom und Kälte.

Auch Weißmann hatte es erwischt. Ihr Arm war in einem Winkel fixiert, der sie zwang, sich leicht vorzubeugen. Ihr Gesicht lief dunkelrot an.

»SG! Identifikation: Weißmann! Sofortiger Abbruch! Das ist ein Befehl!«

Die optischen Sensoren des Roboters glühten monoton blau. Keine Reaktion. Mara schoss unter der Pritsche hervor. Die Welt schwankte gefährlich, aber das Adrenalin brannte den Schwindel weg.

»Du kleine Ratte!«, geiferte der Pfleger und versuchte, mit dem freien Arm nach ihr zu schlagen, doch der SG straffte den Griff, bis die Knochen des Mannes gefährlich knirschten.

»Er bringt mich um! Das Ding ist defekt! Weißmann, tu was!«

Weißmann starrte Mara mit einer Mischung aus Unglauben und blankem Zorn an.

»Wie hast du … das ist unmöglich! SG! Zugriff auf flüchtende Person! Sofort!«

Die blecherne Stimme des Roboters durchschnitt die Hektik:

»Abgelehnt. Prioritätsprotokoll Alpha aktiv.«

Weißmanns Augen weiteten sich.

»Alpha? Welches Alpha? Das existiert gar nicht!«

»Doch«, presste Mara hervor, bereits an der Tür. Sie warf einen letzten Blick zurück auf die Frau, die sie gerade noch wie Labormaterial behandelt hatte.

»Es existiert für die, die den Code geschrieben haben.«

Mara stürmte am SG vorbei auf den Flur. Das Setup war nur fünf Minuten aktiv, bevor es zurücksprang.

Das wusste sie.

Schnell, Mara, schnell, fuhr es ihr durch den Kopf.

Der Korridor war lang und steril, beleuchtet von kalten Neonröhren, Türen links und rechts, alle verschlossen. Hinter ihr ertönte Weißmanns Schrei – diesmal klar und scharf: »Alarm! Patientin Hoffmann flieht!«

Mara rannte. Ihre bloßen Füße klatschten auf den Boden, das Herz hämmerte in ihrer Brust. Der Flur schien endlos, doch sie kannte dieses Gebäude. Irgendwo gab es einen Wartungsschacht, eine Feuertreppe, einen Ausgang.

Sie hatte es schon einmal geschafft. Hinter ihr das Kreischen eines Alarms, der nun durch das gesamte Gebäude hallte.


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